Wenn Gefühle krank machen

04. February 2014, von Dr. med. Thomas Wetzel

Als eine mögliche Ursache von Erkrankungen sind in der chinesischen Medizin die so genannten emotionalen Faktoren beschrieben. Damit meint man Gefühle wie beispielsweise Sorge, Grübeln, Angst, Trauer und Stress. Sie gehören zu jedem normalen Leben. Sind diese belastenden Gefühle jedoch sehr stark und dauern vielleicht auch lange Zeit an, dann können sie nach diesem Verständnis Beschwerden und Erkrankungen auslösen.

Was sind die Ursachen von belastenden Gefühlen?

Grundsätzlich kommen alle Lebensbereiche in Frage. Meist ist es aber vor allem das familiäre Umfeld oder die berufliche Situation. Im ungünstigen Fall beides. Häufig entstehen übermäßige Belastungen aus Überforderung im Alltag. Es entsteht das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Alles wird zuviel, die Kontrolle droht verloren zu gehen, man kann nicht mehr Schritt halten und die Zukunft erscheint in Gefahr. Interessant ist dabei die Beobachtung, dass der Druck manchmal auch „hausgemacht“ ist. Sehr ehrgeizige und leistungsbetonte Menschen tendieren dazu, sich selbst unter einen sehr starken Druck zu setzen. Sorge um die Kinder oder andere nahestehende Personen sind für sich bestimmt nichts Ungewöhnliches. Aber auch hier können Situationen entstehen, die nur mehr schwer zu ertragen sind.

Offene oder schwelende Konflikte in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis sind eine andere häufige Ursache von übermäßigen und langen Belastungen. Lösungsansätze sind nicht mehr erkennbar, die Perspektive geht verloren, Verzweiflung macht sich breit. Übermäßige Ängste kommen auch als Ursache für eine reduzierte Lebensqualität in Frage. Besonders gefährdet sind solche Menschen, die große Angst vor Krankheiten haben oder unter mangelndem Selbstwertgefühl leiden.

Was läuft aus dem Ruder?

Die chinesische Medizin geht davon aus, dass seelische Belastungen eine wichtige Rolle in der Entstehung von Beschwerden und Erkrankungen spielen. Generell kommt es zu einer Störung des freien Flusses unserer Lebensenergie, dem so genannten „Qi“. Die Folge ist eine weitere Verschlechterung der Stimmungslage. Es entstehen beispielsweise Reizbarkeit, innere Unruhe und Niedergeschlagenheit, nicht selten begleitet von Muskelverspannungen und Kopfschmerzen. Über die Zeit können dann im Körper Mangelzustände entstehen. Die chinesische Medizin erklärt sehr schlüssig, wie die unterschiedlichen Belastungen die Organsysteme in Mitleidenschaft ziehen. Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Antriebsschwäche sind Hinweise auf eine solche Organbeteiligung. Je nach dem, welche Organe betroffen sind, entstehen dann weitere Beschwerden. Häufig sind Magen- und Verdauungsprobleme, Schlafstörungen, Angstzustände, Herzstolpern, Schwindel, Reizblase, Monatsbeschwerden, Ohrensausen, depressive Verstimmungen, unterschiedliche Schmerzzustände und vieles mehr. Mit den diagnostischen Mitteln der westlichen Medizin fällt es manchmal schwer, klare Befunde zu erheben. Im Endeffekt kann häufig keine eindeutige Diagnose gestellt werden. Wie wird eine chinesische Diagnose gestellt?

Die chinesische Medizin stellt einen direkten Zusammenhang zwischen seelischen Belastungen und körperlichen Beschwerden her. Im Kern steht ein ausführliches Gespräch, bei dem die Art und Umstände der Beschwerden genauestens erfasst werden. Zusammen mit Puls- und Zungendiagnose wird so die Art der Störung analysiert. Das Ergebnis ist eine chinesische Diagnose, aus der sich die Behandlungsstrategie ableitet.

Wie wird behandelt?

Die Behandlung besteht meist aus einer Kombination von Akupunktur und der Einnahme von Heilkräutern.
Die Akupunktur kann sehr viel mehr, als nur Schmerzen behandeln. Sie kann auch gut sedieren, d.h. zur Beruhigung eingesetzt werden. In dem Maße wie das gelingt, stellt sich mehr innere Ruhe und Gelassenheit ein. Die Stimmungslage verbessert sich. Es gibt Heilkräuter, die wie die Akupunktur beruhigend, Angst lösend oder Stimmung aufhellend wirken. Sie werden individuell und zielgerichtet ausgewählt und helfen zunächst, die Krisensituation zu meistern. Vor allem aber sollen die Heilkräuter den im Körper entstandenen Mangel wieder auffüllen, um so die betroffenen Menschen nachhaltig in eine gestärkte Verfassung zu bringen. Die Gespräche mit dem Therapeuten unterstützen diesen Prozess.

Was ist das Behandlungsziel?

Selbstverständlich geht es zunächst um die Linderung oder Beseitigung der körperlichen Beschwerden wie Schmerzen, Verdauungsprobleme, Schlafstörungen oder was auch immer im Vordergrund steht.
Die Behandlung wird aber immer die seelische Befindlichkeit einschließen. Innere Ruhe und ein höheres Maß an Gelassenheit werden die Lebensqualität verbessern. Wenn nun beispielsweise Vorgesetzte, Kollegen oder der Lebenspartner wieder mal dominant oder gar aggressiv auftreten, ist man in der Lage, sehr viel ruhiger und souveräner zu reagieren. Man gewinnt an Stärke, Selbstbewusstsein und kann besser die eigenen Belange vertreten und durchsetzen. Das Leben bekommt wieder Struktur und Perspektiven.
Grundsätzlich gilt: die Lebensumstände, die zu den Beschwerden geführt haben, werden mit einer Behandlung natürlich nicht beseitigt. Aber die Art und Weise, wie man damit umgeht, entscheidet über die Lebensqualität.

Kategorie: Allgemeines

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