Alarmzustand: seelischer Stress lässt Cortisolspiegel steigen

01. February 2014, von Dr. med. Thomas Wetzel

Die Folgen und was die chinesische Medizin dagegen tun kann

Lange Zeit – und zum Teil bis heute – wurden körperliche und seelische Aspekte in der Medizin streng getrennt. Forschungsergebnisse aus der jüngeren Vergangenheit, vor allem in der Neurobiologie, zeigen eindrucksvoll direkte Zusammenhänge zwischen Seele und Körper. Denn: emotionale Eindrücke werden im Gehirn in biologische Botenstoffe übersetzt, die im Körper vielfältige Wirkungen haben. Im Folgenden betrachten wir vor allem die Wirkungen von Cortisol, das sowohl bei Stress als auch bei Depressionen verstärkt freigesetzt wird.

Wie kommt es zu der erhöhten Freisetzung

Die äußeren Eindrücke, die wir mit unseren fünf Sinnen aufnehmen, werden in der Großhirnrinde verarbeitet. Das darunter liegende limbische System – es wird auch als Zentrum der emotionalen Intelligenz bezeichnet – bewertet diese Eindrücke und vergleicht sie mit früheren Erfahrungen. Wird eine Stresssituation erkannt, dann werden über Nervenbahnen zwei Alarmzentren aktiviert. Das sind der Hirnstamm, wo unter anderem Adrenalin freigesetzt wird und der Hypothalamus. Im Hypothalamus wird ein Stoff namens CRH ausgeschüttet. Er kurbelt die Produktion von Cortisol an. Von der Wahrnehmung der Stresssituation bis zum messbaren Anstieg des Cortisol im Blut dauert es nur wenige Minuten. Weil beim Erleben von Stress, Angst, aber auch Niedergeschlagenheit, mangelndem Selbstwertgefühl oder Einsamkeit der Spiegel an Cortisol ansteigt, wird dieses auch als Stresshormon bezeichnet.

Was passiert im Körper

Puls und Blutdruck steigen an. Die Durchblutung der Haut verändert sich. Eine innere Unruhe bildet sich aus, der Schlaf ist gestört. Cholesterin- und Blutzuckerspiegel können ansteigen. Die Produktion von Sexualhormonen wird gebremst, was zu sexueller Unlust, Einschränkung der Zeugungsfähigkeit oder Zyklusstörungen führen kann. Selbst das Gehirn kann Schaden nehmen, indem ein wichtiger Wachstumsfaktor für Nervenzellen namens BDNF reduziert wird. Auch andere Erkrankungen, die nicht ursprünglich durch Stress verursacht sind, werden negativ beeinflusst. Dazu gehören Herzkrankheiten inklusive Herzinfarkt, Diabetes oder chronisch-entzündliche Krankheiten wie Schuppenflechte oder rheumatische Erkrankungen.

Was ist mit dem Immunsystem

Eine weitere Wirkung von Cortisol betrifft das Immunsystem. Bestimmte Botenstoffe werden blockiert und das Immunsystem geschwächt. Infektionen werden begünstigt, Erkältungskrankheiten oder Herpes treten gehäuft auf. Dabei berichten die Betroffenen nicht selten, dass sie trotz der erhöhten Anfälligkeit nie so richtig krank werden können und beispielsweise kaum Fieber bekommen. Durch chronischen Stress und Depression wird auch die immunologische Tumorabwehr geschwächt. Tumorzellen werden durch so genannte Natural-Killer-Zellen bekämpft. Bei anhaltend erhöhtem Cortisol Spiegel sind diese Killer-Zellen um bis zu 50% vermindert und Tumore können wachsen. Daraus ergibt sich ein erhöhtes Risiko für Lungen- oder Brustkrebs, wie in Studien gezeigt wurde.

Was ergibt sich daraus

Die wirksame Reduktion von Stress und die Behandlung von Depressionen sind in vielerlei Hinsicht von überragender Bedeutung. Es soll hier aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten und Therapieansätze die chinesische Medizin (TCM) anbietet.

Wie erklärt die TCM Stress

Zweifelsfrei darf die TCM für sich in Anspruch nehmen, den Zusammenhang zwischen Seele und Körper sehr früh erkannt zu haben. Denn emotionale Belastungen spielen in der chinesischen Medizin eine zentrale Rolle in der Erklärung und Behandlung von Krankheiten.
Natürlich wusste man im alten China nichts von Cortisol, aber man beobachtete sehr genau und erklärte die Zusammenhänge mit Modellen, ähnlich wie in der modernen Psychologie. Im Rahmen dieser Modelle wird analysiert, welche Körperfunktionen und Organsysteme betroffen sind. Das Ergebnis dieser Analyse ist eine chinesische Diagnose. Diese seit langem bewährten Modelle sind sehr bodenständig und praktisch, weil sie eine direkte Behandlungsanleitung vorgeben. Das heißt, die Diagnose gibt vor, welche Akupunkturpunkte oder Kräuter zu verwenden sind.

Was kann die TCM leisten

Je nach Diagnose und Zustand gibt es unterschiedliche Schwerpunkte wie z.B. Sedierung (Beruhigung), Stimmungsaufhellung, Angstlösung oder Stärkung des Selbstbewusstseins. Ein höheres Maß an Gelassenheit erhöht Leistungsvermögen, Lebensqualität und soziale Einbindung. Praktisch gesehen wird häufig eine Kombination aus Akupunktur und chinesischen Heilkräutern erfolgen. Anfänglich wird die Akupunktur häufiger, d.h. zweimal pro Woche durchgeführt. Nach einiger Zeit bzw. mit der Besserung der Beschwerden wird die Häufigkeit der Akupunkturbehandlungen reduziert. Die Kräuter werden in unserer Praxis meist als Granulat verordnet, das zuhause mit Wasser eingenommen wird.
Die chinesische Behandlung kann man mit anderen Therapien kombinieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt übrigens sowohl Stresssymptome als auch die Depression auf ihrer Liste von Krankheiten, die mit Akupunktur behandelt werden können.

Kategorie: Allgemeines

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