Rückenschmerzen – Eine Volkskrankheit aus Sicht der traditionellen Chinesische Medizin

31. January 2014, von Dr. med. Thomas Wetzel

Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Tatsächlich kann sie bei einer Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt werden. Allerdings dürfte bei kaum einer Erkrankung die Akzeptanz für die TCM so hoch sein, wie bei Rückenschmerzen. Sicherlich denkt man hierbei vor allem an die Akupunktur. Aber das ist nicht die einzige Behandlungsmethode der chinesischen Medizin…

Nach einer Analyse der Kaufmännischen Krankenkasse KKH entfallen 24% der Krankentage auf Rückenleiden. Das kostet die Wirtschaft ca. 9 Milliarden Euro pro Jahr. Die KKH schätzt weiter, dass jeder fünfte Arztbesuch wegen Rückenschmerzen stattfindet.
Ganz überwiegend treten die Beschwerden im Lendenbereich auf. Am zweithäufigsten ist die Halswirbelsäule betroffen.

Unter Lumbago versteht man plötzlich auftretende Rückenschmerzen, im Volksmund Hexenschuss genannt. Kreuzschmerzen werden auch als Lumbalgie bezeichnet. Strahlen die Schmerzen in die Beine aus, dann spricht man von Lumboischialgie.

Die Ursachen von Rückenschmerzen sind sehr vielfältig. Es ist wichtig, dass ernsthafte Prozesse wie zum Beispiel Bandscheibenvorfälle, Wirbelkörperbrüche, Tumore, Engstellen (Stenosen) oder Entzündungen (rheumatische Erkrankungen, Borreliose) ausgeschlossen werden. Auch internistische Erkrankungen etwa im Bereich von Herz, Lunge, Gallenblase oder Bauchspeicheldrüse sind zu bedenken. Häufig wird letztendlich die Diagnose Abnutzung oder Degeneration gestellt. Man meint damit z.B. Gelenkverschleiß (Arthrose) oder Knochenschwund (Osteoporose). Nicht selten kann überhaupt kein Befund erhoben werden. Die Ursache der Schmerzen bleibt unklar. Fehlhaltungen, Bewegungsmangel und psychosomatische Einflüsse spielen hier eine wichtige Rolle. Der Begriff Psychosomatik umfasst die Wörter „Psyche“ (Seele) und „Soma“ (Körper). Die Psychosomatik geht davon aus, dass seelische Probleme wie Stress oder Sorgen zu körperlichen Beschwerden führen. Insbesondere chronische Schmerzen werden selbst zu einem Stressfaktor, der wiederum die Schmerzen verstärkt. So kann man sich gut vorstellen, dass auf diese Art ein Teufelskreis entsteht, den es zu durchbrechen gilt.

Die psychosomatische Betrachtungsweise ist in Übereinstimmung mit der chinesischen Medizin. Denn aus Sicht der TCM gibt es zwei Ursachenbereiche für die Entstehung von Krankheit. Wir lassen hier Unfälle oder grobe Fehler in der Lebensführung mal außer Acht. Ein Ursachenbereich sind die so genannten emotionalen Faktoren. Man meint damit Gefühle wie beispielsweise Sorge, Grübeln, Trauer, Angst oder Stress. Solche Emotionen gehören zu jedem normalen Leben. Sind sie aber sehr stark und belasten sie einen Menschen über lange Zeit, dann können solche Faktoren Erkrankungen wie zum Beispiel Rückenschmerzen auslösen.
Der andere Ursachenbereich für Krankheitsentstehung sind die so genannten äußeren pathogenen Faktoren. Man nennt sie auch klimatische Faktoren und meint damit schädliche Einflüsse wie Kälte, Wind oder Feuchtigkeit. Nach Vorstellung der chinesischen Medizin können sie direkt in unseren Körper eindringen und Krankheiten auslösen. Akute Rückenprobleme wie Hexenschuss, aber auch chronische Rückenbeschwerden können durch klimatische Faktoren verursacht sein.

Wenn die schulmedizinische Abklärung erfolgt ist und eine Behandlung nach den Methoden der chinesischen Medizin erfolgen soll, dann muss zu Beginn eine chinesische Diagnose gestellt werden. Dies erfolgt im Rahmen der so genannten Erstanamnese. Darunter versteht man ein sehr ausführliches Gespräch mit dem Arzt, einschließlich Zungen- und Pulsdiagnose. Eine Stunde Zeit muss man dafür mindestens mitbringen. Die Diagnose ist im Grunde nichts anderes, als die Beschreibung der Krankheitsursache aus Sicht der TCM. Daraus entwickelt der Arzt die geeignete Behandlungsstrategie und erläutert sie den Patienten.

Von den Behandlungsmethoden der TCM ist hierzulande die Akupunktur am bekanntesten. Klinische Studien wie zum Beispiel die in Deutschland durchgeführte GERAG Studie belegen die Wirksamkeit dieser Behandlungsmethode bei Rückenschmerzen. Bei der Akupunktur sticht der Arzt sehr feine Nadeln in Akupunkturpunkte, von denen es mehr als 400 gibt. Abhängig von der Diagnose wird er Punkte am Rücken, aber auch in anderen Körperregionen wählen. Häufig ist zu lesen, dass diese Behandlung, wenn sie kunstgerecht durchgeführt wird, vollkommen schmerzfrei sei. Das trifft aber nicht zu. Im Gegenteil ist es wichtig, dass die Patienten die Reizung des Punktes spüren. Nur so kann auch die angestrebte Wirkung erreicht werden. Das Gefühl, das bei der Reizung eines Akupunkturpunktes entsteht, beschreiben die Patienten oft als elektrischen Reiz oder dumpfen Druck. In China gibt es für dieses Gefühl eigens ein Wort. Es heißt „Deqi“. Art und Anzahl der Behandlungen hängen vom Krankheitsbild und vom Therapieverlauf ab. Als Faustregel kann man sagen, dass anfangs etwas häufiger, d.h. bis zu zweimal pro Woche akupunktiert wird. Mit Besserung der Symptome werden die Abstände zwischen den Behandlungen länger. Vor jeder Behandlung wird Ihr Arzt mit Ihnen ein Gespräch über die jüngste Entwicklung führen.
Manchmal kann man keine Nadeln verwenden, weil die Patienten sehr ängstlich sind oder wenn Blut verdünnende Mittel eingenommen werden. Dann hat man die Möglichkeit, Laser - Akupunktur oder Ohr – Akupunktur anzuwenden.

Die Akupunktur ist aber nicht die einzige Behandlungsmethode. In vielen Fällen kommt eine kombinierte Behandlung aus Heilkräutern und Akupunktur zur Anwendung. Der Arzt stellt ein Rezept über die geeignete Heilkräutermischung aus. Die Kräuter gibt es in unterschiedlichen Darreichungsformen. Trockenkräuter werden mit Wasser ausgekocht wie ein Tee. Es gibt auch Pulver, die einfach in Wasser aufgelöst werden. Diese Mittel werden dann zu Hause eingenommen.
Die TCM kennt noch einige ergänzende Behandlungsmethoden. Die Moxibustion ist eine Wärmebehandlung, bei der Beifußkraut über Akupunkturpunkten abgebrannt wird. Sie kommt gerade bei Rückenschmerzen relativ häufig zum Einsatz. Die Moxibustion wird von den Patienten meist als sehr wohltuend empfunden. Dasselbe gilt für das Schröpfen oder die so genannte Schröpfkopfmassage. Dabei wird ein angesaugter Schröpfkopf über der eingeölten Haut bewegt. Es kommt zu einer sehr starken Durchblutung der Haut und einer Lockerung von Bindegewebe und Muskulatur.

Nebenwirkungen sind natürlich auch bei der TCM nicht ausgeschlossen. Auch wenn sie glücklicherweise nicht sehr häufig auftreten, wird Ihr Arzt mit Ihnen zusammen sehr sorgfältig darauf achten. Aus Gründen der Arzneimittelsicherheit ist es ratsam, Heilkräuter nur über speziell dafür qualifizierte deutsche Apotheken zu beziehen.

Neben Heilkräutern und Akupunktur gilt die Ernährung als dritte Säule der Therapie. Die TCM hat eine sehr hoch entwickelte Ernährungslehre, die im Verlauf der Behandlung – wenn von den Patienten gewünscht - eine wichtige Rolle einnimmt.

Die Traditionelle Chinesische Medizin kann Perspektiven aufzeigen, auch wenn andere Methoden nicht das gewünschte Ergebnis erbracht haben. Wenngleich viele Menschen die TCM in Anspruch nehmen, weil sie Linderung für ihre Schmerzen suchen, so geht sie doch deutlich über eine bloße Schmerztherapie hinaus. Sie bezieht immer den Menschen in seiner Gesamtheit mit ein. Denn Wohlbefinden und Lebensqualität sind mehr als nur die Abwesenheit von Schmerz. Aber die TCM ist auch keine Wundermedizin. Deshalb wird der verantwortungsvolle Therapeut immer darauf achten, dass eine sorgfältige schulmedizinische Abklärung erfolgt ist. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen chinesischen und schulmedizinischen Therapeuten ist zum Wohle der Patienten unerlässlich.

Kategorie: Allgemeines

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