Traditionelle Chinesische Medizin

15. December 2010, von Dr. med. Thomas Wetzel

„Chinesische Medizin - das kenne ich. Das ist doch Akupunktur“.
So oder so ähnlich reagieren viele Menschen, wenn sie von dieser fernöstlichen Heilkunst hören. Tatsächlich ist diese Aussage teilweise richtig. Aber eben nur teilweise!

Das Interesse an der traditionellen chinesischen Medizin, kurz auch TCM genannt, und ihre Akzeptanz nehmen auch im deutschsprachigen Raum zu.  An zahlreichen Universitäten in Deutschland, Europa und den USA gibt es inzwischen Abteilungen für TCM.
Beginnen wir von vorn.
Die traditionelle chinesische Medizin hat eine sehr lange Geschichte. In ihrer heutigen Form wird sie seit etwa 2000 Jahren praktiziert. Natürlich hat auch diese Medizin sich über die Zeit verändert und entwickelt. Sie ist keine wissenschaftliche Medizin im modernen Sinne, sondern eine hoch entwickelte Erfahrungsmedizin. Man bezeichnet dies auch als empirische Medizin. Das Wissen und die Erfahrung unzähliger Ärztegenerationen wurden gesammelt und in Schriftform weitergegeben. Möglich war das deshalb, weil in China nicht nur das Papier erfunden wurde, sondern bereits im zweiten Jahrhundert nach Christus auch der Buchdruck. So häuften die chinesischen Ärzte über zwei Jahrtausende einen beispiellosen Erfahrungsschatz an.

Die TCM ist ein eigenständiges und in sich sehr logisches Medizinmodell. Dennoch ist der Zugang dazu für uns westliche Menschen nicht immer ganz einfach. Zu fremd sind oft die Denkweisen, zu unterschiedlich die Art und Weise, wie man an Krankheit herangeht. Ein gutes Beispiel dafür ist, wie man sich in der TCM die Entstehung von Krankheit erklärt. Wir lassen einmal Unfälle oder grobe Fehler in der Lebensführung als Krankheitsursachen beiseite. Dann bleiben nur zwei Ursachenbereiche, aus denen Krankheiten entstehen können. Einmal sind das die so genannten äußeren pathogenen Faktoren. Man nennt sie auch klimatische Faktoren und meint damit schädliche Einflüsse wie Kälte, Wind oder Feuchtigkeit. Nach Vorstellung der chinesischen Medizin können solche Faktoren direkt in unseren Körper eindringen und Krankheiten auslösen. Erkältungen, Hexenschuss, Allergien oder rheumatische Erkrankungen sind Beispiele hierfür.
Der zweite Ursachenbereich sind die emotionalen Faktoren. Man meint damit Gefühle wie beispielsweise Sorge, Grübeln, Trauer, Angst oder Stress. Solche Emotionen gehören zu jedem normalen Leben. Sind sie aber sehr stark und belasten sie einen Menschen über lange Zeit, dann können sie ebenfalls Erkrankungen auslösen. Häufige Krankheitsbilder, die auf übermäßige emotionale Faktoren zurückgehen, sind beispielsweise Schlafstörungen, Bluthochdruck, gynäkologische Probleme, Migräne, Leistungsverlust oder Störungen im Magen-Darm-Bereich.

Begibt man sich nun in eine chinesische Behandlung, dann beginnt diese stets mit der so genannten Erstanamnese. Darunter versteht man ein sehr ausführliches Gespräch mit dem Arzt, einschließlich Zungen- und Pulsdiagnose. Eine Stunde Zeit muss man dafür mindestens mitbringen. Als Ergebnis stellt der Arzt eine TCM – Diagnose. Er entwickelt die geeignete Behandlungsstrategie und erläutert sie den Patienten.

In der Mehrzahl der Fälle kommt eine kombinierte Behandlung aus Heilkräutern und Akupunktur zur Anwendung.
Der Arzt stellt ein Rezept über die geeignete Heilkräutermischung aus. Die Kräuter gibt es in unterschiedlichen Darreichungsformen. Trockenkräuter werden mit Wasser ausgekocht wie ein Tee. Es gibt auch Pulver, die einfach in Wasser aufgelöst werden. Diese Mittel werden dann zu Hause eingenommen.
Bei der Akupunktur sticht der Arzt sehr feine Nadeln in Akupunkturpunkte, von denen es mehr als 400 gibt. Häufig ist zu lesen, dass diese Behandlung, wenn sie kunstgerecht durchgeführt wird, vollkommen schmerzfrei sei. Das trifft aber nicht zu. Im Gegenteil ist es wichtig, dass die Patienten die Reizung des Punktes spüren. Nur so kann auch die angestrebte Wirkung erreicht werden. Das Gefühl, das bei der Reizung eines Akupunkturpunktes entsteht, beschreiben die Patienten oft als elektrischen Reiz oder dumpfen Druck. In China gibt es für dieses Gefühl eigens ein Wort. Es heißt „Deqi“. Art und Anzahl der Behandlungen hängen vom Krankheitsbild und vom Therapieverlauf ab. Als Faustregel kann man sagen, dass anfangs etwas häufiger, d.h. bis zu zweimal pro Woche akupunktiert wird. Mit Besserung der Symptome werden die Abstände zwischen den Behandlungen länger. Vor jeder Behandlung wird Ihr Arzt mit Ihnen ein Gespräch über die jüngste Entwicklung führen.
Manchmal kann man keine Nadeln verwenden, weil die Patienten noch sehr klein sind oder wenn Blut verdünnende Mittel eingenommen werden. Dann hat man die Möglichkeit, Laser - Akupunktur oder Ohr – Akupunktur anzuwenden.
Es gibt noch einige ergänzende Behandlungsmethoden. Die Moxibustion ist eine Wärmebehandlung, bei der Beifußkraut über Akupunkturpunkten abgebrannt wird. Elektrostimulation, Schröpfen oder die so genannte Schröpfkopfmassage kommen in bestimmten Situationen ebenfalls zur Anwendung.

Nebenwirkungen sind natürlich auch bei der TCM nicht ausgeschlossen. Auch wenn sie glücklicherweise nicht sehr häufig auftreten, wird Ihr Arzt mit Ihnen zusammen sehr sorgfältig darauf achten. Aus Gründen der Arzneimittelsicherheit ist es ratsam, Heilkräuter nur über speziell dafür qualifizierte deutsche Apotheken zu beziehen.
Als dritte Säule der Therapie gilt die Ernährung. Die TCM hat eine sehr hoch entwickelte Ernährungslehre, die im Verlauf der Behandlung – wenn von den Patienten gewünscht - eine wichtige Rolle einnimmt.

Die Traditionelle Chinesische Medizin kann Perspektiven aufzeigen, auch wenn andere Methoden nicht das gewünschte Ergebnis erbracht haben. Wenngleich viele Menschen die TCM in Anspruch nehmen, weil sie Linderung für ihre Schmerzen suchen, so geht sie doch deutlich über eine bloße Schmerztherapie hinaus. Sie bezieht immer den Menschen in seiner Gesamtheit mit ein. Denn Wohlbefinden und Lebensqualität sind mehr als nur die Abwesenheit von Schmerz.
Aber die TCM ist auch keine Wundermedizin. Deshalb wird der verantwortungsvolle Therapeut immer darauf achten, dass eine sorgfältige schulmedizinische Abklärung erfolgt ist. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen chinesischen und schulmedizinischen Therapeuten ist zum Wohle der Patienten unerlässlich.

Kategorie: Allgemeines

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